Waldviertler Sprache: Teil 2

Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich meinen Blog nach so einem Cliff-Hanger wie letzte Woche anders einleiten muss, damit er spannender zu lesen ist. Ich brauche Special Effects… Aber wie könnte man das in einem Blog machen?

Bitte stellen Sie sich jetzt den Vorspann einer Serie vor: „Frau Bierdeckl – Waldviertlerin aus Leidenschaft“ und dazu eine Stimme, die eine einleitende Geschichte erzählt:

Jeder hat gesagt eine Wienerin könnte im Waldviertel alleine nicht überleben… aber ich werde nicht aufgeben! Und ich bin auch nicht mehr alleine. Ich habe eine Familie geerbt, bei der die Grillsaison das ganze Jahr dauert und viele Freunde, bei denen es jede Woche mindestens einmal 5 Mehlspeisen gibt. Und das ist vielleicht die größte Herausforderung für meine Figur.

Oder so ein Vorspann:

Letztes Mal bei Waldviertler Blödelblog:

  • Frau Bierdeckl hat endlich gelernt Erpfeknedl (= Erdäpfelknödel) zu kochen. Aber sie kämpft noch mit der ortsansässigen Sprache. Wird sie die Sprache endlich lernen oder wird sie zurück in den Betonbunker Wien deportiert?
  • Ein Familienmitglied wurde letzte Woche dabei erwischt, wie er heimlich Zwettler Bier trank. Wegen diesem Skandal ist der Ruf der ganzen Familie Bierdeckl im Bezirk Gmünd ruiniert. Kann dieser durch die Einrichtung einer hauseigenen Schwarzbrennerei wiederhergestellt werden?
  • Die Buchhändlerin von Frau Bierdeckl hat Frau Bierdeckl ausrichten lassen: „Sag ihr, dass wenn Sie nicht aufhört Bücher zu kaufen, dann werden im neuen Haus nur mehr Regale stehen!“ Wird Frau Bierdeckl schaffen alle diese Bücher zu lesen?
  • Der Bauer im im Dorf hat Schweins-Mistbrot g’fihrt (= Jauche bestehend aus Schweinemist auf die Felder verteilt). Auf die Angst der Dorfbewohner vor Gasvergiftung, wirkte der Ortsvorsteher beruhigend ein: „Dastunga is no neamd!“ (dt: Es ist noch niemand erstunken!)
  • ob die oide Bierdeckl die Herausforderungen ihres Lebens bestehen wird lesen sie jetzt im Waldviertler Blödelblog!

Wie letztes Mal bereits erwähnt gibt es im Waldviertlerischen viele hochdeutsche Wörter nicht – man muss sich einfacher ausdrücken. Wer mir das nicht glaubt, soll mal versuchen den Satz: „Ich habe in Wien Literatur studiert, daher Hochdeutsch gelernt und manchmal fällt es mir schwer etwas im Waldviertlersichen auszudrücken,“ auf Waldviertlerisch zu übersetzen. Wörter wie „ausdrücken“ gibt es nicht. Man kann nur „wos sogn“ und das gilt für alle sprachlichen Tätigkeiten. Auch „Hochdeutsch“ gibt es nicht. Das heißt zu Lande „sche red’n„. Und „Literatur“ gibt es schon gar nicht, dafür aber „Biachln„. Also wären wir irgendwo bei: „Ich bin vo Wean, hob durt’n Biachln glernt und bin jetzt a Stukadierte, die zwoa sche red’n ko, oba’s Woidvierdlaische is nu schwa fia mi!“

Die Waldviertler Oma hat diese Art zu sprechen perfektioniert. Sie kann zum Beispiel mit den 2 Sätzen „Sei net hoagli“ und „Seit net so stua“ jegliche Kritik an einem Menschen ausüben, die man haben kann. Ich habe versucht herauszufinden, in welchem Zusammenhang sie welchen Satz verwendet, aber ich glaube sie sagt einfach den, der ihr zuerst einfällt. Außerdem gibt sie tolle Tipps für das Funktionieren einer Ehe (was meiner Generation ja offensichtlich nicht so leicht fällt, wie die Scheidungsrate beweist), wie: „net namen“ (= man soll sich gegenseitig nicht beschimpfen) und außerdem wie immer: „net stua sei“.

Die Waldviertler Sprache ist von ihrer Blumigkeit her dem Persischen sehr ähnlich. Wenn ein Perser z. B. wortwörtlich übersetzt sagt: „Ich habe den Boden gegessen!“ meint er damit eigentlich: „Ich bin hingefallen.“ Diese ganz besondere „Phraseologie“, wie man in der Sprachwissenschaft sagt, gibt es auch im Waldviertlerischen. Nehmen wir uns mal diesen Absatz zur Übersetzung vor:

Des is oba a schener Kampel! Oba er is trotzdem net greßa ois a knotzade Wüdsau.  Des geht jo auf koa Kuahaut! Oba a Gschickter is a und a Saubener. Und a Weiwa-größ gibt jo a net aus. Oba der is so fesch, doss i ma jedes Moi denk waun in siach: „Mei schei broads Troat! Do bin i glei wida jung.“ Oba daun wü mei Mau imma weida geh und sogt: „Kum, damma wos. Auf und da Kua noch!“

Wortwörtlich übersetzt hieße das Folgendes:

Das ist aber ein schöner Kamm! Aber er ist trotzdem nicht größer als eine hockende Wildsau. Das geht sich ja auf keiner Kuhhaut aus! Aber er ist geschickt und sauber. Und eine Frauengröße gibt ja auch nicht aus. Aber der ist so fesch, dass ich mir jedes Mal denke, wenn ich ihn sehe: „Mein schönes breites Getreide! Da bin ich gleich wieder jung!“ Aber mein Mann will dann immer weiter gehen und sagt: „Komm. Tun wir etwas. Auf und der Kuh nach!“

Die wirkliche Bedeutung dieser Worte ist aber folgende:

Das ist aber ein schöner Mann! Aber er ist trotzdem ziemlich klein. Das ist ja kaum zu glauben! Aber er ist geschickt, ordentlich und anständig. Und auch groß erscheinende Frauen sind nicht wirklich groß. Aber der ist so hübsch, dass ich mir jedes Mal denke, wenn ich ihn sehe: „Mah, ist das schön. Da fühle ich mich gleich wieder jung!“ Aber mein Mann wird dann immer ungeduldig und sagt: „Komm, gehen wir endlich weiter!“

Weiters gleicht das Waldviertlerische auf der klanglichen Ebene dem Französischen. Man muss sich nur Wörter wie „Fasau“ (Fasan) oder die Aussprache des Ortes Nondorf „No-dorf“ auf der Zunge zergehen lassen.

Mein Mann hat die Theorie aufgestellt, dass das Waldviertlerische die Ursprache von allem ist. Ich denke es wäre wert diese Theorie von einem waldviertelbegeisterten Geschichtswissenschaftler untersuchen zu lassen.

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