Waldviertler Sprache: Teil 1

Diesen Beitrag verfasse ich quasi zu meinem 2-Jahresjubliäum im Waldviertel. Mittlerweile kenne ich mich mit den Gegebenheiten im Waldviertel gut aus und bin voll integriert:
• ich habe jetzt einen Waldviertler Ehemann und erhielt dank meines Namenswechsels auch offiziell bei der Hochzeit eine neue Staatsbürgerschaftsurkunde, was die Trauzeugin meines Göttergatten verwirrte: „Warum bekommt sie jetzt einen Staatsbürgerschaftsnachweis? Ist das jetzt die Staatsbürgerschaft Waldviertel oder wie?“
• Auch weiß ich, dass man zum Schweinsbraten Waldviertler Erdäpfelknödel isst und keine Semmelknödel. Ich habe die letzte Stufe des Waldviertler Integrationstests bestanden, als ich vor einigen Wochen erfolgreich meine 1. Waldviertler Knödel selbst zubereitete.
• Der Waldviertler Automobilklub hat mir letztens am Weg von Krems nach Zwettl meine offizielle Mitgliedsurkunde überreicht. Leider hat die 40€ gekostet…. und eigentlich handelte es sich dabei um meinen 1. Strafzettel, den ich in meinem Leben bekommen habe, nachdem ich 10 1/2 Jahre erfolgreich ohne so etwas ausgekommen bin.
• ich weiß, dass ich zu Mittag nicht Einkaufen fahren brauche, weil viele Geschäfte nicht offen haben
• ich weiß dass Schremser Bier ist und dass Zwettler kein Bier ist. Und dass ca. 50% der Waldviertler Bevölkerung das Gegenteil behaupten würde.
• ich weiß, dass man zu den Eiern „Oa“ sagt, aber trotzdem nicht „Oalikör“ sagt, weil Eierlikör etwas Feines ist und wenn etwas fein ist, dann bedienen sich die Waldviertler scheinbar doch des Hochdeutschen.
• ich weiß, dass man von Nondorf (= eine Weltmetropole im Bezirk Gmünd) auf die Johannahöhe runter fährt und nicht rauf (man darf halt nicht logisch denken, wenn man sich auskennen will).

Ich kenne mittlerweile zu mindestens die Bedeutung von 50% aller Richtungsangaben im Waldviertlerischen, für die es im Hochdeutschen keine Entsprechung gibt (ume, zuwe, aufe, owe, hereint, dreint)… alle anderen sind mir weiterhin schleierhaft (hiedau, herbei, uva.)… außerdem gibt es noch etliche Variationen dieser Richtungsangaben wie z. B. umezua und unterbei und langsam frage ich mich wirklich: Wozu brauchen die Waldviertler mehr Richtungsangaben als alle anderen Menschen auf dieser Welt???!!

Auch in diverse Dörfer und Kleinstädte kann man ume, eine, auße und so weiter und so fort fahren. Was man sagt, hängt immer davon ab, wo man sich gerade befindet und wie viele Einwohner der Zielort hat. Und es handelt sich dabei um so eine Wissenschaft, dass die Waldviertler selbst immer darüber diskutieren, wie man nun wirklich sagt.
Das ist sicher das beliebteste Diskussionsthema Nr.3. Das beliebteste Diskussionsthema Nr. 1 ist sicherlich dasjenige um das besagte Bier oder Nicht-Bier (Schremser vs. Zwettler). Und Nr. 2 ist, wer geheiratet hat und wer gestorben ist. Beides ist fein säuberlich in der NÖN und den Bezirkszeitungen dokumentiert. Und die meisten Waldviertler haben ein unglaubliches Gedächtnis: Die merken sich sogar Leute aus diesen Zeitungen, die sie gar nicht kennen. Dann stellen sie sich die Frage: „Zu wem g’hörn die?“ Und das beschäftigt sie dann… Mir ist es tatsächlich mehrmals passiert, dass Leute uns gefragt haben, wo wir geheiratet haben. Als wir dann das Palmenhaus als Eventlocation angegeben haben, kam als Reaktion: „Aaaahhh ia words des!“ Rätsel um die Zugehörigkeit gelöst… Rätsel, wie sie sich unsere fremden Gesichter von einem kleinen Bild in der Zeitung gemerkt haben, nicht gelöst.

Während die Waldviertler überdurchschnittlich viele Richtungsangaben haben, muss man dafür seinen Wortschatz sonst sehr reduzieren, wenn man Waldviertlerisch lernen will, weil es viele Wörter nicht gibt…
Da dies aber Stoff für einen neuen Beitrag gibt heißt es hier: Fortsetzung folgt… (am Dienstag den 21.06.2016)

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